Was ist eine Gratifikationskrise und welchen Einfluss hat sie auf unsere Gesundheit?

Das Modell der Gratifikationskrise kann man sich wie eine Waage vorstellen. Es gibt jeweils eine Schale auf beiden Seiten und deren „Inhalt“ beeinflusst das Gleichgewicht der Waage. Je nachdem befindet sich die Waage im Gleichgewicht oder eine der beiden Seiten ist „schwerer“ als die andere. Grundlage des Modells ist, dass es eine Beziehung zwischen der Leistungserbringung im Erwerbsleben auf der einen Seite der Waage und der Belohnung für diese Leistung auf der anderen Seite gibt. Doch welche Faktoren genau beeinflussen das Gleichgewicht der Waage?

Auf die Seite der Leistungserbringung und Verausgabung wirken sowohl extrinsische als auch intrinsische Faktoren ein. Mit extrinsischen Faktoren sind alle Einflüsse gemeint, die von außen auf eine berufstätige Person einwirken, wie z. B. eine hohe Arbeitslast, Zeitdruck oder Überstunden. Unter den intrinsischen Faktoren fasst man alle Einflüsse zusammen, die von der berufstätigen Person selbst ausgehen, wie z.B. ein starkes Leistungs- und Kontrollstreben, was zu einem „Überengagement“ führen kann.
Auf die Belohnungs-Seite der Waage dagegen wirken materielle und immaterielle Anerkennung sowie Unterstützung ein. Damit sind neben dem Einkommen z. B. auch die Arbeitsplatzsicherheit, die Anerkennung und Wertschätzung der Kollegen oder die Aufstiegsmöglichkeiten in einem Betrieb gemeint. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass die jeweilige Belohnung auch spürbar sein muss, da sie ansonsten nicht wirkt. Der Begriff Gratifikation meint daher materielle und immaterielle Anerkennung sowie Unterstützung, die auch wahrnehmbar ist.

Von einer Gratifikationskrise wird dann gesprochen, wenn Menschen im Berufsleben über einen längeren Zeitraum eine hohe Verausgabung bei gleichzeitig zu geringer Belohnung empfinden. Bei der Gratifikationskrise wiegt die Waagschale der Verausgabung also schwerer als die der Belohnung und die Waage ist aus dem Gleichgewicht geraten. Hierbei ist es jedoch wichtig zu wissen, dass auf der Verausgabungsseite die extrinsischen Anforderungen mit der intrinsischen Seite gekoppelt sein müssen, um von einer Gratifikationskrise sprechen zu können. Ist nur die extrinsische Anforderung aber nicht die intrinsische vorhanden, wird dies nicht Gratifikationskrise eingestuft. Genauso auch umgekehrt, wenn hohe eigene Ansprüche auf geringe Arbeitsanforderungen treffen. Eine Gratifikationskrise bleibt dabei so lange bestehen, wie es keine Handlungsalternativen gibt, die Situation aus strategischen Gründen akzeptiert wird oder bestimmte Motivationsmuster wie ein „Überengagement“ gegeben sind.

Wenn über einen längeren Zeitraum ein wie oben beschriebenes Ungleichgewicht herrscht, besteht ein erhöhtes Krankheitsrisiko, welches wissenschaftlich nachgewiesen ist. Die Gratifikationskrise gilt somit als eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung von chronischen Erkrankungen. So verdoppelt sich z.B. das Risiko für die Entstehung von koronaren Herzkrankheiten, Depression und Muskel-Skelett-Erkrankungen.
Daraus ergibt sich, dass es sowohl der Bemühungen des Arbeitgebers als auch der des Arbeitnehmers bedarf, um einer solchen Gratifikationskrise vorzubeugen bzw. entgegenzuwirken, um das Ziel eines gesunden Unternehmens mit gesunden Mitarbeitern zu erreichen.