Vereinbarkeit von Beruf und Pflege von Angehörigen - was können Betriebe tun?

Die Lebenserwartung der Deutschen steigt, das haben wir einer immer besser werdenden medizinischen Versorgung zu verdanken. Mehr über 80-jährige bedeuten jedoch auch mehr pflegebedürftige Personen.

Im Jahr 2015 lag der Anteil der pflegebedürftigen Personen an der Gesamtbevölkerung bei 3,5 %, im Jahr 2030 sollen dies bereits 4,6 % sein. Ein großer Anteil dieser Menschen wird zu Hause gepflegt, Schätzungen gehen von 5-6 % aller Erwachsenen in Deutschland aus, die sich regelmäßig um Angehörige kümmern (hierzu wird auch die Betreuung eines pflegebedürftigen Kindes oder die Fürsorge innerhalb einer Ehe- bzw. Lebenspartnerschaft gezählt).

Diese stark ansteigenden Zahlen bedeuten auch für Arbeitgeber, dass sie sich mehr damit beschäftigen müssen, wie sich berufliche Aufgaben und Pflege bei ihren Beschäftigten vereinbaren lassen.

Vereinbarkeit von Beruf und Pflege von Angehörigen - was können Betriebe tun? Mehr Informationen erhaltet Ihr in diesem Magazinbeitrag.

Im DGB-Index Gute Arbeit 2017 zeigt sich, dass 30 % der Befragten (Beschäftigte in Unternehmen, die Angehörige pflegen) sehr häufig oder oft Schwierigkeiten haben, die Betreuung ihrer Angehörigen zeitlich mit ihrer Arbeit zu vereinbaren. Viele wünschen sich für die Pflege zusätzlicher Auszeiten und erhoffen sich finanzielle Unterstützung durch den Betrieb. Die Ergebnisse einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege von 2018 zeigt jedoch, dass der Großteil der Unternehmen keine Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege vorhält oder geplant hat. Man könnte vermuten, dass Wirtschaftlichkeitsaspekte hierfür ausschlaggebend sind, jedoch gilt das nur für eine kleine Anzahl der Unternehmen. Vielmehr herrscht in den Unternehmen ein Informationsdefizit, mit welchen Angeboten Mitarbeiter unterstützt werden können.

Die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Pflege kann sich in erhöhten betrieblichen Folgekosten niederschlagen, zum Beispiel durch erhöhte Krankheitsfehlzeiten und pflegebedingte Fehlzeiten am Arbeitsplatz sowie verminderte Leistungsfähigkeit. Des Weiteren entstehen Kosten, wenn betroffene Beschäftigte aufgrund der Unvereinbarkeit ihr Arbeitsvolumen reduzieren oder ihre Stelle kündigen. Die Situation verschärft sich durch eine weitere Beobachtung: insbesondere ältere Angestellte pflegen Angehörige. Unternehmen können sich demnach doppelt als familienfreundlich positionieren, und zwar nicht nur im Hinblick auf junge Familien mit kleinen Kindern, sondern auch bei erfahrenen Mitarbeitern, die Familienangehörige pflegen. Dies kann durchaus ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im Rennen um die Gewinnung guter Fachkräfte sein.

Unternehmen, die sich ernsthaft um die Belange pflegender Mitarbeiter kümmern wollen, sollten in einem ersten Schritt die gesetzlichen Regelungen kennen und umsetzen. Das Pflegezeitgesetz und das Familienpflegezeitgesetz definieren die rechtlichen Rahmenbedingungen. 2015 gab es hier die letzte Novellierung durch das Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege. Darüber hinaus können Unternehmen diverse weitere Maßnahmen umsetzen. Der erste Schritt muss eine strategische Entscheidung der Führung sein, sich dem Thema anzunehmen.
Da pflegende Angestellte ihre freie Zeit nicht im umfassenden Maße zur Erholung nutzen können, sondern nach Feierabend noch ein „Zweitjob“ auf sie wartet, sollte eine vereinbarkeitssensible Führungskultur im Unternehmen entwickelt werden. Bei der Vereinbarkeit der Personalführung können zwei wichtige Aspekte genannt werden, praktikable Lösungen zu finden für diejenigen Arbeitssituation, in denen pflegerische Erfordernis eingreifen in die regulären Arbeitspflichten und -prozesse sowie die Kompetenzen und Erfahrungen, welche aus der Pflegetätigkeit resultieren, für die Arbeit im Unternehmen bestmöglich zu nutzen.

Besonders erfolgversprechend ist eine Variation der Unterstützung, bei der aus formalen Maßnahmen, wie etwa der Einrichtung eines flexiblen Arbeitszeitmodells und informellen Angeboten, zum Beispiel das schnelle Einspringen von Kollegen und die unbürokratische Gewährung von kurzfristigem Urlaub durch Vorgesetzte, situationsangepasst ausgewählt werden kann.

Zusammenfassung

Die Unterstützung von Mitarbeitern, die Angehörige pflegen, ist eine strategische Entscheidung eines Unternehmens und wird getragen durch eine Führungskultur, die das Leben der Beschäftigten außerhalb des Arbeitskontextes wertschätzt.
Der Lohn für diese Bemühungen kann eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit und die enge Bindung der Angestellten an den Betrieb sein.

Autor des Magazinbeitrages

Nikolas Niehardt - Dozent und Tutor der Academy of Sports

Nikolas Niehardt

  • M.A. Gesundheitsökonomie
  • Ausbilder nach AEVO
  • Lehramt Sport
  • Dozent und Tutor der Academy of Sports

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Quellenangaben (Stand: 05.2019)

Ausführlichere und weiterführende Inhalte finden sich in der Broschüre der Initiative Gesundheit und Arbeit „Beruf und Pflegeverantwortung

https://www.iga-info.de/fileadmin/redakteur/Veroeffentlichungen/iga_Wegweiser/Dokumente/iga-Wegweiser_Beruf_und_Pflegeverantwortung.pdf)

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